Digitalisierungsmanager werden neben dem Beruf
Digitalisierungsmanager werden neben dem Beruf ist möglich, aber anders, als viele erwarten. Die klassische Vollzeit-Weiterbildung mit 720 Unterrichtseinheiten über vier Monate funktioniert parallel zu einem 40-Stunden-Job praktisch nicht. Wer seinen Beruf behalten will, hat drei realistische Wege: Qualifizierungschancengesetz mit Freistellung, Teilzeit-Wechsel während der Weiterbildung oder schrittweises Lernen über zwölf Monate in Eigenregie. Jeder dieser Wege hat eigene Stärken und eigene Risiken.
In meinen Beratungsgesprächen stellt fast jeder Zweite die Frage “kann ich das neben meinem Job machen”. Die ehrliche Antwort zerlegt die Frage in zwei Teile. Erstens: Kann ich den Inhalt parallel lernen? Ja, wenn ich zwölf bis 18 Monate einplane. Zweitens: Kann ich den gesamten Standardkurs parallel belegen? Praktisch nein, weil der Kurs Mo bis Fr ganztags live stattfindet. Wer beides verwechselt, plant falsch.
Vollzeit-Kurs und Vollzeit-Job schließen sich aus
Der Standardkurs zum Digitalisierungsmanager umfasst 720 Unterrichtseinheiten über vier Monate. Das sind 16 Wochen mit ganztägigem Live-Unterricht, Montag bis Freitag. Rechne das auf Stunden hoch: etwa 45 Stunden Präsenz pro Woche plus 10 bis 15 Stunden für Übungen, Nacharbeit und Portfolio. Insgesamt 55 bis 60 Stunden Lernbelastung pro Woche.
Wer nebenher 40 Stunden im Job arbeitet, landet bei 95 bis 100 Stunden pro Woche. Das hält niemand über 16 Wochen durch. Wer es versucht, scheitert meistens am Schlaf, an Konflikten zuhause oder an der Qualität des Gelernten. Der Kurs ist für Vollzeit-Lernende konzipiert, nicht als Abendangebot.
Das heißt nicht, dass der Weg neben dem Beruf verschlossen ist. Es heißt, dass du einen anderen Weg brauchst.
Drei Wege neben dem Beruf
Weg 1: Qualifizierungschancengesetz (QCG) mit Freistellung. Das ist der sauberste Weg. Dein Arbeitgeber stellt dich für die Dauer der Weiterbildung frei, die Lehrgangskosten übernimmt die Agentur für Arbeit teilweise oder ganz (abhängig von der Unternehmensgröße), und du bekommst einen Lohnzuschuss. Rechtsgrundlage ist § 82 SGB III. Antragsteller ist der Arbeitgeber über den Arbeitgeberservice der Bundesagentur für Arbeit.
Die Förderquote richtet sich nach der Unternehmensgröße. Bei Betrieben unter 50 Beschäftigten werden 100 Prozent der Lehrgangskosten übernommen, bei 50 bis unter 500 Beschäftigten 50 Prozent, bei 500 oder mehr Beschäftigten 25 Prozent. Der QCG-Weg setzt voraus, dass dein Arbeitgeber mitspielt. Das ist nicht selbstverständlich, aber machbar, wenn die Weiterbildung auch dem Unternehmen nützt.
Weg 2: Wechsel in Teilzeit während der Weiterbildung. Du reduzierst deine Arbeitszeit für die vier Monate auf 20 Stunden pro Woche und lernst die verbleibende Zeit. Das geht nur, wenn dein Arbeitgeber das mitträgt, und es ist für vier Monate ein echtes Loch im Haushaltsbudget. Wer diese Variante wählt, sollte finanziell vorsorgen oder den Weg mit dem Partner abstimmen.
Weg 3: Schrittweises Lernen über zwölf bis 18 Monate in Eigenregie. Du arbeitest weiter 40 Stunden, nimmst dir nach Feierabend zwei bis drei Stunden und am Wochenende vier bis sechs Stunden Zeit, und arbeitest strukturiert durch ein vereinbartes Modul-Schema. Das ist langsamer und verlangt viel Disziplin, aber es funktioniert, wenn du den festen Rahmen nicht brauchst. Der Nachteil: Ohne Live-Unterricht fehlt dir die Struktur und die Rückfrage-Möglichkeit. Das macht den Weg für diszipliniertere Lerntypen besser geeignet.
Der Weg über einen Bildungsgutschein ist in dieser Liste nicht vertreten, weil der Bildungsgutschein grundsätzlich voraussetzt, dass du arbeitssuchend bist oder von Arbeitslosigkeit bedroht bist. Mehr dazu im Artikel Digitalisierungsmanager über das Arbeitsamt werden.
Den Arbeitgeber vom QCG-Weg überzeugen
Aus der Beratungspraxis: der QCG-Antrag scheitert selten an der Behörde, fast immer am ersten Gespräch im Unternehmen. Drei Punkte helfen.
Zeig den Nutzen für das Unternehmen. Ein Mitarbeiter, der BPMN, No-Code-Automatisierung und Dokumentenverarbeitung beherrscht, kann direkt interne Projekte übernehmen. Das ist ein Argument, das Geschäftsführer verstehen.
Zeig die Förderung. Dein Arbeitgeber erfährt durch dich zum ersten Mal, dass die Agentur für Arbeit bis zu 100 Prozent der Lehrgangskosten übernimmt und zusätzlich einen Lohnzuschuss zahlt. Viele Unternehmer wissen das nicht. Wer es vorlegt, verändert das Gespräch.
Zeig die Verbindlichkeit. Biete eine Rückbindung an: “Ich verpflichte mich, nach der Weiterbildung noch 18 Monate im Unternehmen zu bleiben, und im Gegenzug trägt das Unternehmen die Freistellung mit.” Das ist rechtlich in einer Zusatzvereinbarung abbildbar und macht die Entscheidung für den Arbeitgeber einfacher.
Wenn dein Arbeitgeber trotzdem ablehnt, ist das ein Signal. Dann ist der Wechsel über Bildungsgutschein nach einer einvernehmlichen Trennung oft der ehrlichere Weg. Siehe auch Digitalisierungsmanager werden ohne Studium.
Gleiche Inhalte, unterschiedliche Dauer
Die Inhalte sind bei allen drei Wegen gleich, die Dauer variiert. Der Kern bleibt:
- Prozessanalyse mit BPMN und Lean-Werkzeugen
- KI-Grundlagen und Large Language Models ohne Mathe und Programmierung
- No-Code-Werkzeuge und Workflow-Automatisierung
- Dokumentenverarbeitung und intelligente Datenextraktion
- Chatbots und KI-Agenten
- Datenanalyse und Visualisierung
- Veränderungsmanagement, Projektleitung
- Datenschutz, EU AI Act, Compliance
- Abschlussprojekt mit Portfolio
Die DEKRA-zertifizierte Variante schließt mit den Nachweisen DEKRA-Zertifikat, Microsoft AI-900 Fundamentals, EU AI Act Sachkundenachweis nach Artikel 4 KI-VO und Portfolio-Zertifikat ab. Mehr dazu im Artikel Welche Zertifikate ein Digitalisierungsmanager wirklich braucht.
Energie und Zeit nach Feierabend
Der unterschätzteste Faktor bei allen drei Wegen ist die Energie nach einem Arbeitstag. Wer um 18 Uhr aus dem Job kommt, hat nicht mehr die volle Aufmerksamkeitsspanne eines Morgens. Wer trotzdem zwei Stunden produktiv lernen will, braucht eine klare Routine: gleiche Zeit, gleicher Ort, klares Zeitfenster.
In der Beratung höre ich oft, dass Teilnehmer den Abend-Rhythmus mit Sport und einer echten Pause verbinden. Zehn Minuten Bewegung nach der Arbeit, 90 Minuten Lernen, dann bewusst Schluss. Wer länger sitzt, lernt meistens weniger.
Der zweite Faktor ist das Umfeld. Vier Monate berufsbegleitend zu lernen bedeutet, dass Partner, Kinder und Freunde dich weniger sehen. Das muss vorher abgesprochen sein. Wer zuhause in einen Konflikt lernt, bricht den Kurs in der Regel nach vier bis sechs Wochen ab.
Häufige Fragen zum Weg neben dem Beruf
Gibt es eine offizielle Teilzeit-Variante der DigiMan-Weiterbildung? In der Regel nicht bei AZAV-zertifizierten Trägern, weil die Förderlogik des Bildungsgutscheins auf Vollzeit ausgelegt ist. Wer nebenberuflich will, geht über QCG, Teilzeitarbeit oder Eigenregie.
Wie lange dauert der Eigenregie-Weg realistisch? Zwölf bis 18 Monate, je nach Disziplin und Lernpensum pro Woche. Ohne festen Rahmen scheitert etwa die Hälfte der Eigenregie-Starter in den ersten drei Monaten.
Was, wenn ich einen festen Arbeitgeber habe, aber der will nichts mit QCG zu tun haben? Dann ist die Eigenregie die realistische Alternative. Oder du sprichst mit deinem Arbeitgeber offen über einen zeitlich begrenzten Ausstieg und wechselst in Richtung Bildungsgutschein.
Kann ich mit Abendunterricht lernen? Einige Träger bieten Abendkurse an, meistens aber nicht als vollständige Weiterbildung mit 720 UE. Wer Abendkurse belegt, muss sehr genau prüfen, ob Inhalte und Zertifikate mit dem Vollzeit-Kurs vergleichbar sind.
Ist der berufsbegleitende Weg später im Bewerbungsgespräch ein Nachteil? Nein, im Gegenteil. Wer zeigen kann, dass er neben einem Vollzeit-Job die Weiterbildung durchgezogen hat, dokumentiert Disziplin und Eigenverantwortung. Das ist ein Pluspunkt.
Über den Autor
Dr. Jens Aichinger ist Gründer von SkillSprinters, einem DEKRA-zertifizierten Bildungsträger für KI- und Digitalisierungs-Weiterbildungen. Promovierter Naturwissenschaftler, seit über zehn Jahren in Bildung und Digitalisierung, aktiver Kursleiter und Berater für Quereinsteiger. Mehr über den Autor.
Zuletzt geprüft am 13. April 2026 von Dr. Jens Aichinger.
Bereit für den nächsten Schritt?
Du willst wissen, welcher Weg neben dem Beruf für dich funktioniert? Mach den kostenlosen Karriere-Check und finde in zehn Minuten heraus, welcher Finanzierungs- und Zeit-Weg zu deiner Lage passt.
Weiterlesen
Anstellung oder Freelance als Digitalisierungsmanager?
Anstellung oder Freelance als Digitalisierungsmanager: Vor- und Nachteile, Nettorechnung, Risiko, Flexibilität. Ehrlicher Vergleich mit Zahlen.
9 Min. Lesezeit
Ist Digitalisierungsmanager ein anerkannter Beruf?
Ist Digitalisierungsmanager ein anerkannter Beruf? Was DEKRA-Zertifikat, AZAV und IHK wirklich bedeuten und wie Arbeitgeber das einordnen.
7 Min. Lesezeit
Digitalisierungsmanager mit Hauptschulabschluss werden
Digitalisierungsmanager mit Hauptschulabschluss: Welche Wege wirklich offen stehen, was Arbeitgeber verlangen und wie der Bildungsgutschein den Einstieg trägt.
8 Min. Lesezeit