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Digitalisierungsmanager werden

Agile Methoden: welches Level wird erwartet?

· 9 Min. Lesezeit · Dr. Jens Aichinger
Team am Whiteboard mit Kanban-Board, Post-its und Markern in einem hellen Büro

Für den Einstieg als Digitalisierungsmanager reicht agiles Grundwissen auf dem Niveau eines informierten Teammitglieds. Du musst Scrum und Kanban verstehen, an einem Daily Standup sinnvoll teilnehmen können und eine Retrospektive moderieren, wenn es sein muss. Ein Certified Scrum Master ist am Anfang nicht nötig und wird in den meisten Projekten auch nicht erwartet. Wichtiger ist, dass du die Grundideen verstehst und dich an die Arbeitsweise deines neuen Teams anpasst.

In meinen Kursen erlebe ich regelmäßig zwei Fehleinschätzungen. Die eine: Teilnehmer glauben, ohne Scrum-Zertifikat komme man in kein Unternehmen rein. Die andere: Sie unterschätzen, wie oft sie in den ersten Wochen in agile Meetings geschickt werden und plötzlich erklären sollen, was ein Sprint Goal ist. Beide Extreme sind vermeidbar, wenn du dir das richtige Level aneignest: solides Grundverständnis, praktische Übung am eigenen Projekt, kein Zertifikat-Zwang.

Scrum dominiert die Praxis

Scrum ist das am weitesten verbreitete agile Framework in Deutschland. Laut Bitkom-Studien zur Softwareentwicklung setzen Unternehmen mit agilen Projekten in der Mehrheit auf Scrum oder Scrum-Kanban-Mischformen. Als Digitalisierungsmanager wirst du in fast jedem Projekt mit Scrum-Begriffen konfrontiert. Du musst sie nicht feiern, aber verstehen.

Die Kernelemente von Scrum, die du kennen musst:

ElementWas es istWer macht es
SprintZeitbox von meist zwei WochenDas Team arbeitet darin ab
Product BacklogPriorisierte Liste aller AnforderungenDer Product Owner pflegt sie
Sprint BacklogWas im aktuellen Sprint gemacht wirdDas Team zieht sich Tasks
Daily StandupTägliches 15-Minuten-MeetingAlle im Team
Sprint ReviewAbnahme am Sprint-EndeTeam plus Stakeholder
RetrospektiveTeamreflexion nach dem SprintNur das Team

Mehr brauchst du am ersten Tag nicht. Wer sich tiefer einlesen will, findet den offiziellen Scrum Guide kostenlos online, und die DIHK bietet über die Industrie- und Handelskammern gelegentlich Einführungs-Workshops zu agilen Methoden an.

Kanban und die Hybriden

Kanban ist älter als Scrum und kommt aus der Toyota-Produktion. Im IT-Kontext ist es ein Pull-System: Du hast ein Board mit Spalten (To Do, In Progress, Done), jede Spalte hat ein Limit, und neue Aufgaben werden erst begonnen, wenn eine abgeschlossen ist. Das klingt banal, ist aber der Kern. Während Scrum dich in feste Sprints zwingt, erlaubt Kanban einen kontinuierlichen Fluss.

In der Praxis triffst du oft Hybride: Ein Team nutzt Scrum-Events wie Daily und Retro, arbeitet aber mit einem Kanban-Board statt klassischen Sprints. Digitalisierungsprojekte passen oft besser zu Kanban, weil sie in Wellen kommen: ein halbes Jahr Prozessanalyse, dann plötzlich drei parallele Automatisierungs-Pilotprojekte, dann wieder Planung. Sprints in fixer Zweierwochenlänge sind dafür oft zu starr.

Unternehmen fixieren ihre Arbeitsweise selten schriftlich. Du kommst in ein Team und siehst erst nach zwei Wochen, was wirklich gelebt wird. Dein Job ist am Anfang mitmachen, nicht kritisieren.

Zwei Retro-Formate reichen

Die Retrospektive ist das wichtigste agile Meeting, weil sich das Team dort selbst verbessert. Als Digitalisierungsmanager wirst du früh gefragt, ob du eine Retro moderieren willst. Zwei Formate reichen, um jede Situation abzudecken.

Das erste ist Start-Stop-Continue. Drei Spalten an die Wand, jeder schreibt auf Post-its, was das Team neu anfangen, aufhören oder weitermachen soll. Fünf Minuten Schreiben, zehn Minuten Clustern, fünfzehn Minuten Priorisieren und Maßnahmen beschließen. Dauert eine halbe Stunde.

Das zweite ist Mad-Sad-Glad. Gleicher Aufbau, aber emotional gefärbt. Was hat dich geärgert, was hat dich traurig gemacht, was hat dich gefreut. Funktioniert besser, wenn das Team gestresst ist und Luft ablassen muss. Du moderierst, hörst zu, hältst die Zeit ein.

In beiden Fällen muss am Ende eine konkrete Maßnahme stehen, die bis zur nächsten Retro umgesetzt wird. Ohne das ist die Retro nutzlos. Das ist die einzige Regel, die du kennen musst, um Retros sinnvoll zu führen.

Kein Scrum-Master-Zertifikat nötig

Für den Berufseinstieg brauchst du kein Certified-Scrum-Master-Zertifikat. Der CSM ist ein zweitägiger Kurs mit Zertifikat, der zwischen 800 und 1.500 Euro kostet. Er lohnt sich für Leute, die explizit Scrum Master werden wollen, also den Rollen-Titel anstreben. Du willst Digitalisierungsmanager werden, nicht Scrum Master. Das sind verschiedene Jobs.

Was Arbeitgeber bei dir tatsächlich sehen wollen:

  • Du verstehst die Begriffe und kannst sinnvoll mitarbeiten
  • Du hast an einem realen Projekt agil mitgearbeitet (auch im Kurs zählt)
  • Du kannst ein Kanban-Board einrichten, zum Beispiel in Jira, Trello oder einem einfachen Whiteboard-Tool
  • Du kannst eine Retro moderieren

Das alles lernst du in der Weiterbildung zum Digitalisierungsmanager im Praxisteil, ohne separates Zertifikat. Wie Portfolio und Praxisprojekte das Skill-Niveau absichern, zeigt der Artikel Praxisprojekte sind wichtiger als Zertifikate.

Was die Weiterbildung an Agile mitgibt

Der DigiMan-Kurs dauert 4 Monate mit 720 Unterrichtseinheiten und deckt agile Methoden als eigenes Thema in Modul 10 (Change Management und digitale Transformation) ab. Dazu kommen Praxisphasen, in denen du an Projekten mitarbeitest, die mit Kanban-Boards organisiert sind. Das reicht für den ersten Job, in dem du als Teammitglied in agilen Projekten landest.

Was im Kurs konkret abgedeckt wird:

  • Scrum-Events (Planning, Daily, Review, Retro) mit Rollen-Simulation
  • Kanban-Board-Aufbau und WIP-Limits setzen
  • Moderation einer Retro im Übungsteam
  • Stakeholder-Kommunikation in agilen Projekten (dazu gibt es einen eigenen Artikel zur Stakeholder-Kommunikation)
  • Agile Dokumentation: User Stories, Akzeptanzkriterien, Definition of Done

Wer nach dem Kurs merkt, dass ihm agile Tiefe fehlt, kann einen CSM-Kurs immer noch nachholen. Aber nicht vorher. Die Reihenfolge ist: erst Job, dann gezielt nachqualifizieren. So entwickelst du dich am Anfang weiter, wie auch der Artikel Weiter entwickeln nach dem Kurs zeigt.

Agile Antipatterns erkennen

Nicht jede Firma, die sagt, sie arbeite agil, tut das auch. Als Digitalisierungsmanager wirst du schnell merken, wenn etwas schief läuft. Vier Muster begegnen einem immer wieder.

Fake-Scrum: Das Team hat Daily Standups, aber einer redet 45 Minuten lang und der Rest hört zu. Richtig wäre jeder kurz, im Stehen, maximal 15 Minuten insgesamt.

Retro ohne Folgen: Das Team sammelt Post-its, klatscht sich ab, und in der nächsten Woche passiert genau nichts. Nach zwei solchen Retros glaubt niemand mehr dran.

Backlog-Müllhalde: Der Product Backlog enthält 800 Einträge, niemand priorisiert, und jeder Sprint beginnt mit der Frage “Was machen wir jetzt?”. Das ist kein Scrum, das ist Chaos mit Scrum-Etikett.

Wasserfall in Sprint-Hülle: Alles ist vorher fest geplant, Änderungen sind nicht erlaubt, und am Ende wird gegen den Plan abgeglichen. Wenn du das siehst, weißt du: Das Management hat Agile gekauft, aber nie wirklich eingeführt.

Den Befund darfst du am ersten Tag noch nicht laut sagen. Aber du solltest ihn sehen. Mehr zur Rolle als Übersetzer zwischen Fachabteilung und Technik steht im Artikel Stakeholder-Kommunikation als unterschätzter Skill.

Häufige Fragen zu agilen Methoden im Berufseinstieg

Muss ich Jira bedienen können, bevor ich mich bewerbe? Nein. Jira ist ein Tool, kein Konzept. Wenn du verstanden hast, wie ein Kanban-Board funktioniert, lernst du Jira in zwei Stunden am ersten Arbeitstag. Viele Unternehmen nutzen auch Azure DevOps, Asana oder ein einfaches Trello. Das Tool ist austauschbar.

Was, wenn mein Team gar nicht agil arbeitet? Das ist häufiger, als man denkt. Viele Digitalisierungsprojekte laufen klassisch in Wasserfall oder hybrid. Du passt dich an. Wenn der Kunde sechs Monate Konzept-Phase verlangt, ist Scrum da oft nicht das Mittel der Wahl. Wichtig ist, dass du das Vokabular beider Welten beherrschst.

Lohnt sich ein Product Owner-Kurs? Für den Einstieg nicht. Der Certified Product Owner (CSPO) ist sinnvoll, wenn du gezielt Product Owner werden willst. Als Digitalisierungsmanager arbeitest du oft MIT Product Ownern zusammen, nimmst aber selten die Rolle ein. Der Artikel Zertifikate im Detail geht auf Zertifikatswahl im Kontext ein.

Wie antworte ich im Vorstellungsgespräch auf die Frage nach Scrum-Erfahrung? Ehrlich. “Ich habe in der Weiterbildung in Scrum-Projekten mitgearbeitet und eine Retro moderiert, habe aber keine zertifizierte Scrum-Master-Rolle. Ich bin bereit, mich in das agile Arbeitsmodell meines neuen Teams einzuarbeiten.” Das ist die Antwort, die Recruiter sehen wollen.

Brauche ich SAFe-Kenntnisse für Konzerne? SAFe (Scaled Agile Framework) wird in Großkonzernen eingesetzt, ist aber komplex und für den Berufseinstieg nicht nötig. Wenn du in einem SAFe-Umfeld landest, wirst du darin geschult. Vorher investieren lohnt sich selten.


Über den Autor

Dr. Jens Aichinger ist Gründer von SkillSprinters, einem DEKRA-zertifizierten Bildungsträger für KI- und Digitalisierungs-Weiterbildungen. Promovierter Naturwissenschaftler, seit über zehn Jahren in Bildung und Digitalisierung, aktiver Kursleiter und Berater für Quereinsteiger. Er begleitet Teilnehmer durch den DigiMan-Kurs und berät Unternehmen zur Einführung agiler Arbeitsweisen. Mehr über den Autor.

Zuletzt geprüft am 14. April 2026 von Dr. Jens Aichinger.


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